Warum spirituelles Wachstum nicht zur Erleuchtung führt

Warum spirituelles Wachstum nicht zur Erleuchtung führt

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

In diesem Beitrag erkläre ich aus meiner Sicht eines Praktizierenden (anstatt meiner Sicht eines Akademikers), warum spirituelles Wachstum nicht zur Erleuchtung führt; aber natürlich hängt viel davon ab, was wir unter diesen Begriffen verstehen.

Zuallererst sollten wir klarstellen, dass ‘Erleuchtung’ in vielerlei Hinsicht mehr ein westliches Konzept als ein traditionelles Fernöstliches ist. Das Sanskritwort bodha bedeutet je nach Kontext: wach sein, wissen, verstehen, Weisheit, Intelligenz, Wahrnehmung, Erwachen, Bewusstsein, Aufblühen, Öffnen oder Ausdehnen. Es ist ein geläufiges Wort, kein abstrakter Ausdruck und deutet auch keinen endgültigen Zustand der Perfektion an. Im spirituellen Kontext verwendet, bezieht er sich auf das Wach- und Gewahr-Sein der innewohnenden Natur, der wahren Natur der Wirklichkeit, oder beidem. Das deutsche Wort ‘Erleuchtung’ beinhaltet für die meisten Menschen jedoch eine Art Super-Weisheit und/oder einen höheren Bewusstseinszustand, der denjenigen, der diesen erreicht hat, von der Masse abhebt. Das Sanskritwort hingegen ist süßer, einfacher und bescheidener: es bedeutet in die Realität von dem, was man wirklich ist (und immer war), zu erwachen und generell bewusster und offener zu werden. In diesem wachen, lebendigen und offenen Bewusstsein zu bleiben, ist das Ziel eines spirituellen Lebens, so wie es die yogischen Traditionen begreifen.

In unserer Kultur ist das Streben nach ‘Erleuchtung’ (was tatsächlich bedeutet, im direkten Bewusstsein der Realität einzugehen) jedoch verwirrend und mit Selbsthilfe oder Projekten zur Selbstverbesserung vermischt worden. Viele sprechen davon, wachsen zu wollen und ein besserer Mensch zu werden, und stellen sich oft vor, dass der Endpunkt dieses Wachstumsprozesses so etwas wie Erleuchtung ist. Dies zeigt ganz klar das Unverständnis für die Natur des spirituellen Pfades (wie er in den fernöstlichen Traditionen verstanden wird). In der fortbestehenden Wachheit zu bleiben ist nicht der Endpunkt des Wachstumsprozesses, es geht noch nicht einmal in diese Richtung.

Was??!

Wenn du inne hältst und darüber nachdenkst, wirst du feststellen, wie offensichtlich es ist: gemäß allen Yoga Traditionen ist deine wahre Natur schon immer perfekt, der Kern deines Wesens ist reine strahlende Göttlichkeit, und du bist immer schon eins mit dem unendlichen göttlichen Bewusstsein, welches das gesamte Universum hervorbringt und trägt. TAT-TVAM-ASI: du bist Das, hier und jetzt.
Daher hängt die Erkenntnis dieser Wahrheit in keinster Weise vom persönlichen Wachstum ab. Vielmehr ist es ein Paradigmenwechsel, in dem du aufhörst dich mit den Phänomenen innerhalb des Bewusstseins (z.B. Gedanken, Emotionen, Bild über den eigenen Körper) zu identifizieren und die Tatsache erkennst, dass du das Bewusstsein selbst bist – die einzige Konstante in der sich ständig verändernden Welt deiner Erfahrungen. 

Und ja, es ist möglich so wach zu werden, dass du nie wieder in den Schlaf zurück fällst. Du wirst zu keinem grundsätzlich anderen Menschen, letztendlich siehst du die Wahrheit so klar und vollständig, dass du sie nicht leugnen kannst und lebst daher in einem anderen Denkmuster als vorher.

Trotz vieler fantasievollen Geschichten über ‘plötzliche Erleuchtung’ geschieht dies nicht über Nacht. So wie es eine Weile brauchen kann vom physischen Schlaf aufzuwachen und vollkommen wach und klar zu sein, so ist es auch wenn du in Berührung mit der Wahrheit deines Seins kommst. Du musst sie weiterhin berühren und dein Bewusstsein des Bewusstseins für Monate oder Jahre vertiefen, bevor es zu deinem Normalzustand wird. Mit diesem Prozess geht eine Art Wachstum einher, das notwendig ist: es gilt einen Reifegrad zu erreichen in dem du weisst, was du wirklich willst und deine alltäglichen Aktivitäten die tiefsten Sehnsüchte in deinem Herzen widerspiegeln. In anderen Worten musst du erst reif genug werden, um dir selbst nicht im Weg zu stehen und dem Prozess des Erwachens Raum zu geben sich zu entfalten. Diese Art von Wachstum ist eine notwendige Begleiterscheinung des Erwachens, jedoch nicht die Ursache.

Du musst dich also fragen ob du unbewusst am Glauben festhältst, dass das permanente Erwacht-sein in deiner wahren Natur warten muss, bis du deine Therapie abgeschlossen hast oder sich das Chaos in deinem Leben aufgelöst hat; du dich in den Wald zum Retreat zurückziehen kannst oder samādhi erreicht hast? Steckst du viel Zeit und Energie in Projekte zur Selbstentwicklung, das nur schrittweise Gewinne bringt ohne vorher die innewohnende Quelle der bedingungslosen Präsenz zu erschließen? Wenn dem so ist, dann leidest du. Und bist damit nicht allein.

Aus meiner Sichtweise heraus sieht das ziemlich seltsam aus: viele Menschen, die sich einer Selbstverbesserungs-Spiritualität widmen, arbeiten wirklich hart daran, sich Eigenschaften anzueignen, die eigentlich natürliche Nebenprodukte vom Verweilen in der Wachheit (bodha-stha) sind. Das geht nach hinten los. Zuerst erwachst du zu dem, was du wirklich bist und dann wird diese Erkenntnis in alle Aspekte des Lebens integriert. Im Vergleich zur Integration ist Aufwachen der einfache Teil, aber viel schwieriger als beides ist der Versuch, eine Erkenntnis zu integrieren, die du noch nicht hattest; was genau das ist, das die meisten Menschen zu tun versuchen. Ich weiß du hast mächtige Erfahrungen gemacht, in denen du die göttliche Essenz berührt hast, aber das ist wirklich nicht dasselbe wie das Aufwachen aus dem Glauben daran, dass deine Gedanken, Erinnerungen und Geschichten irgendetwas mit dem zu tun haben, das du wirklich bist.

Es ist so einfach: solange du glaubst, dass du das ‘gebrochene Selbst’ bist, kannst du es nicht heilen. Und wenn du es kannst, dann ist es unglaublich schwierig. Wenn du hingegen in deiner wahren Natur erwacht und zentriert bist, kannst du dich mit sämtlichen Fehlausrichtungen im Körper-Geist liebevoll befassen. Wenn du die Integrationsarbeit machen möchtest, wird jede Schicht deines Wesens von der kraftvollen Energie des Erwachens durchdrungen. Du beginnst dann diese Wachheit zu verkörpern, was wiederum allen Wesen nützt. Wenn du die Integrationsarbeit nicht machst, auch wenn du in deinem göttlichen Kern zentriert bist, dann wird es keinem anderen nützen.

Wichtig ist folgendes: viele Menschen wachen in ihre wahre Natur auf und stellen den Körper-Geist (body-mind) und dessen Probleme beiseite, anstatt mit ihnen zu arbeiten. Von meinen Lehrern wird dies ‘Transzendentalismus’’ genannt (und ‘spirituelle Vermeidung’ von anderen), da solche Menschen einfach nur den Körper-Geist überwinden wollen. Im Gegensatz dazu, versucht man auf dem tantrischen Pfad der Energie des reinen Bewusstseins (chit-shakti) zu erlauben, alle Ebenen der Verkörperung und Aspekte des täglichen Lebens zu durchdringen. Das nennt man Integration. Aber nochmal, um das zu tun, muss man in der Lage sein die Energie des Bewusstseins willentlich nutzen zu können, und das erfordert Übung.

Integration ist also das eigentliche spirituelle Wachstum, aber es hat nichts damit zu tun, sich selbst zu rekonditionieren zu wollen, um sich einem Ideal anzunähern, das man in spirituellen Büchern oder Aussagen von Lehrern findet (was die meisten Menschen als spirituelles Wachstum bezeichnen). Vielmehr bedeutet es, alles nötige zu tun, um das Körper-Geist System in einer Weise zu öffnen, dass die Energie des Erwachens ungehindert fließen kann und jeden Aspekt des Lebens durchdringt (wenn dies eintritt, dann wird es im tantrischen Yoga mahā-vyāpti, die große Durchdringen, genannt).

Dwelling in the midst of the sea of nectar, with my heart-mind immersed solely in the worship of You [as the substance of every experience], may I attend to all the common occupations of man, savoring the ineffable in every thing.” ~ Utpala Deva

“Im Meer des Nektars verweilend, mit meinem Herz-Geist einzig und allein in der Ehrerbietung  der Substanz jeder Erfahrung eingetaucht, möge ich mich um die Belange der Menschen kümmern und das Unausprechliche in Allem würdigen.” ~ Utpala Deva

Dieser Prozess von Integration-und-Verkörperung erfordert viel Beobachtung. Wenn du einen Gedanken oder ein Selbstbild im Licht des Bewusstseins betrachtest (immer davon ausgehend, dass du Zugriff auf dieses Licht hast), wirst du klar sehen inwiefern etwas mit deiner tiefsten Natur nicht übereinstimmt und verwirfst es (per Definition stimmen sie alle in einem bestimmten Maß nicht überein; doch weniger unstimmige Gedanken können einem bestimmten Zweck dienen). Für die meisten Menschen geschieht das nicht automatisch; sie müssen die Arbeit des Hinschauens und Verwerfens tun; oder im Falle der saṃskāras oder ungelösten Erfahrungen hinschauen und verdauen; das ist ein klarer Unterschied. Dies erklärt warum manche Menschen ‘erleuchtet’, aber nicht integriert sein können; und wenn sie Lehrer werden, verursachen sie für gewöhnlich Schaden. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Zugang zum Licht des Bewusstseins (prakāsha) und der Arbeit des Beobachtens, was dieses Licht in seiner Fülle reflektiert und was nicht (dies wird als vimarsha oder Selbstreflexion bezeichnet).

Jemand der viel vimarsha gemacht hat und damit seine Selbstbildnisse abgelegt und viele seiner ungelösten Erfahrungen verdaut hat, verweilt in einem Zustand der Freiheit, moksha genannt. So eine Person wird jìvan-mukta genannt, noch im Körper befreit. Dies ist wesentlich seltener als Erwachen oder sogar das Verweilen im Erwacht-Sein. Es ist das ultimative Ziel des spirituellen Lebens, aber es ist keine Errungenschaft, zumal es nichts zu erreichen gibt; vielmehr ist etwas verloren gegangen. Es ist ein Seinszustand in dem man erlöst und befreit ist. Aber nicht einmal das ist der Endzustand, denn es gibt immer weitere saṃskāras, die verdaut werden können und mehr Integration, die getan werden kann. Trotzdem gibt es einen Wendepunkt, ab dem du nie wieder in die Gebundenheit und Täuschung zurückkehren kannst. Das Überschreiten dieses Wendepunkts ist das was Buddha einfach und demütig kṛtyaṃ kṛtam nannte: das was getan werden musste, ist jetzt getan.

Wie wäre es für dich sämtliche Selbst-Verbesserungs-Projekte aufzugeben, die gewissermaßen auf Unwürdigkeit beruhen und du deine Übungszeit damit verbringst, zu lernen wie du auf dein bereits-perfektes innewohnendes Selbst zugreifen und darin verweilen kannst? Das ist nicht so einfach wie es sich anhört, denn es bedeutet, nicht nur die schöne Vorstellung der eigenen Göttlichkeit zu genießen, sondern den Teil anzugehen, der dich demütiger und milder stimmt als er dich erhebt oder bekräftigt (mit ‘du’ ist hier der Körper-Geist-Persönlichkeits Komplex gemeint).

Was wenn du aufhörst ein ‘besserer Mensch’ sein zu wollen und einfach lernst das Wesen, das du bereits bist, komplett zu verkörpern?

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Indem ich die wichtigen Mißverständnisse auf dem Weg zum Ziel anspreche und die Natur des Pfades (gemäß der Tradition, meinen Lehrern und meiner eigenen Erfahrung) verdeutliche, bezieht sich dieser Beitrag teils auf #1 in der Liste der acht großen Fallstricke (Eight Great Pitfalls) auf dem spirituellen Pfad: welcher ist, fehlende Ausrichtung in Ansicht, Praxis und Ziel. Diese drei aufeinander auszurichten ist #1 in meiner Liste der acht Schlüssel, die zu einem nachhaltigen Erwachen führen.

Möchtest du den Prozess des Erwachens genauer verstehen, die großen Fallstricke vermeiden und die Ausrichtung von Anschauung, Praxis und Ziel sicherstellen?

In der Trika-Linie des tantrischen Yoga finden wir dazu wichtige Lehren über die drei primären Phasen des Erwachens-und-Befreiungsprozesses.
In der ersten Phase erwachst du zu deinem göttlichen Kern oder dem wahrhaftigen Selbst oder ‘Seele’. Dann integrierst du dieses Erwachen (was dazu führt, dass eine ganze Menge von dem verschwindet, was nicht mit deiner ‚Seele‘ übereinstimmt).

In der zweiten Phase erwachst du zu deinem Einssein mit dem ganzen Universum, deiner nahtlosen Einheit mit dem ganzen Energiefeld, und integrierst dann dieses Erwachen.

In der dritten Phase erwachst du zum formlosen Grund des Seins, dem Feld des absoluten Potentials, das sich ‚jenseits‘ der Manifestation befindet (und es dennoch durchdringt), und integrierst dann dieses Erwachen. (Genauer gesagt, erwachst du nicht zum formlosen Grund, es erwacht durch dich zu sich selbst, und das ‚Du‘ löst sich auf. Kein Du mehr; nur das Eine).

Im Sanskrit werden diese drei Phasen wie folgt genannt:

  • āṇava-samāveśa ~ Eintauchen in deine Seelenessenz oder dein innerstes Selbst
  • śākta-samāveśa ~ Eintauchen in das gesamte Energiefeld
  • śāmbhava-samāveśa ~ Eintauchen in den Grund des Seins

Wenn eine Person mit oder ohne Absicht versucht die zweite oder dritte Phase vor der ersten zu erreichen, könnten die Resultate chaotisch sein. Laut meiner Tradition ist es kaum möglich Phase zwei oder drei aufrechtzuerhalten und zu integrieren, ohne davor die vorhergehenden Phase(n) stabilisiert zu haben. Das erklärt warum so viele Menschen, die das Einheitsbewusstsein (Phase zwei) oder die absolute Leere (Phase drei) erlebt haben, diese Erfahrung nicht auf eine nachhaltige oder gesunde Weise integrieren können. Es ist unumgänglich in deinem absoluten Zentrum (Phase eins ‚Eintauchen in die Seelenessenz’) stabilisiert zu sein, wenn du Phase zwei oder drei auf nachhaltige Weise verwirklichen möchtest. (Nicht, dass es darum geht ‘zu wollen’; du bist entweder aufgerufen weiterzugehen oder eben nicht).

Übersetzung von Marion und Daniela im Auftrag von Hareesh

Orginalartikel:
Why spiritual growth does not lead to enlightenment

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