Patañjalis Yoga und seine tantrische Wiedererfindung

Patañjalis Yoga und seine tantrische Wiedererfindung

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

Sich mit Patañjalis Yoga-sūtra zu befassen, ist ein überaus gewinnbringender Prozess, den ich vor etwa 17 Jahren begonnen habe. Ich finde, dass die wiederholte Anwendung seiner kurzen und präzisen Lehren tiefe Ebenen von Verständnis und Erfahrung hervorbringt. Durch diesen Prozess brachte das, was zunächst wie ein undurchdringbar dichter Text erschien, möglicherweise einschneidende Einblicke in die Natur des menschlichen Bewusstseins und seines Potentials zur Transformation hervor.

Ein einfacher und klarer Überblick des ersten Kapitels des Yoga-sūtra

Die Struktur von Patañjalis Text ist extrem logisch. Er folgt dem Muster eine feste Grundlage zu schaffen, und anschließend tiefer nuancierte Ebenen des Verstehens in den folgenden sūtras darauf zu errichten. Wie jeder gute Autor bedient sich Patañjali oft des Andeutens, indem er zunächst schwierige Denkansätze skizziert und diese später vollständiger erklärt.

Der Titel seiner Arbeit ist Aphorismen des Yoga (oder Diskussionen des Yoga), also ist die erste Frage, die sich ein uninformierter Leser logischerweise stellt: Was ist Yoga? Und die Definition dieses Begriffs ist Patañjalis erstes Ziel. Nach seinem ersten sūtra (welches gleichzeitig auf die Unmittelbarkeit des Themas und die Tatsache hinweist, dass dies eine Exposition von sehr alten Übungen ist)* gibt Patañjali seine berühmte Definition wieder: yogaś-citta-vŗtti-nirodhaḥ, “Yoga ist der Zustand, in dem die mental-emotionalen Bewegungen still geworden sind”. Beachte, dass die korrekte Übersetzung** Yoga als einen Seinszustand und nicht als eine Übung definiert. Ein kleiner Unterschied, der alles ausmacht. (Diese Fehlübersetzung des Sutra 1.2 war in den letzten einhundert Jahren wahrscheinlich der Hauptgrund, warum die breite Masse glaubt, Meditation bedeute den Geist von allen Gedanken zu reinigen!)
In Patañjalis Lexikon, wie auch bei vielen seiner Zeitgenossen, bezog sich Yoga auf einen Bewusstseinszustand, der mit dem Ausführen der von ihm präsentierten Übungen (welche aus einer früheren Tradition stammen) entsteht.

Der Definition von Yoga folgen unmittelbar zwei sūtras, die ähnliche Fragen beantworten: Was passiert, wenn jemand diese tiefe innere Stille erfährt und was passiert, wenn man das nicht tut? Patañjali antwortet: du verbleibst und stehst fest in deiner Seelenessenz, deiner wahren Natur (1.3) oder du identifizierst dich fälschlicherweise weiterhin mit den konditionierten denkenden Verstand und leidest deshalb (1.4).

Etwas Eindrucksvolles ist geschehen: in nur vier Sätzen hat Patañjali die Natur des Themas zusammengefasst, seine Definition, das Ergebnis der erfahrungsgemäßen Realisierung und das Problem das nicht zu schaffen. Hier ist die andeutende Technik klar ersichtlich: Der Rest des Yoga-sūtra kann als ein Entpacken dieser ersten vier sūtras angesehen werden.

Yoga ist als ein Seinszustand definiert, und was diesen Zustand ausmacht ist der Stillstand der vŗttis oder mental-emotionalen Bewegungen; das vollständige zur Ruhe kommen des aufgewühlten Geistes (mind). Folglich ist die nächste logische Frage: was genau sind vŗttis? Patañjali verbringt die nächsten sieben sūtras damit diesen Schlüsselbegriff zu definieren und zu erklären. Er beschreibt fünf Arten von vṛttis, von denen jedes in ein oder zwei Zuständen auftreten kann: behaftet oder nicht-behaftet, schädlich oder gütig. (Ob diese zehn Klassifizierungen alle Arten von mental-emotionalen Fluktuationen ausreizen ist nicht vollständig geklärt.) Der Begriff “behaftet” deutet die Diskussion der kleśas (psychische Leiden wie Anhaftung und Aversion) im zweiten Kapitel an.

Als nächstes definiert unser Autor sorgfältig die fünf Arten von vṛttis (1.6-11). Er scheint zu anzudeuten, dass wir zunächst unseren eigenen Verstand (mind) vollständig verstehen müssen, bevor wir versuchen darüber hinaus zu gehen. Zu verstehen was die vṛttis sind, und dass Yoga nichts anderes ist, als ein Zustand, in dem sie zur Ruhe kommen, wirft die nächste logische Frage auf: Wie erreicht man diese innere Stille? Das ist das Thema, dem sich Patañjali im restlichen Kapitel widmet.

Zunächst stellt er die innere Einstellung dar, welche diese yogische Praxis erfordert (1.12-16). Man muss beschließen diese Praxis für eine lange Zeit ununterbrochen auszuführen, mit Ehrfurcht und achtsamer Aufmerksamkeit (1.14). Es braucht Geduld! Wie erreicht man diese Geduld? Durch die Kultivierung der zweiten grundlegenden Haltung, vairāgya (Sachlichkeit, Distanziertheit, Nichtreaktivität). Vairāgya bedeutet nicht ohne Verlangen zu sein, sondern eher ein ruhiges, geduldiges Verlangen zu kultivieren, auch eine Gewissheit, dass die Praxis funktionieren wird und das vollständige Erreichen von Yoga unvermeidlich ist. Und wie er schreibt, ist der Zeitraum relativ zum Eifer der eigenen Praxis (1.21-22). Vairāgya bringt die Erkenntnis mit sich, dass einen nichts außer Yoga zufrieden stellen wird, weil nur das Verweilen in unserer wahren Natur die nachhaltige Erfüllung und das zufriedenstellende Glück bringt, wonach wir uns alle sehnen.

Als nächstes führt Patañjali seine Erläuterung ‘Wie man die vŗttis stoppt’ fort, indem er die zwei Arten von samādhi, oder meditativer Vertiefung beschreibt (1.17-1.18). Der Zweite dieser beiden Typen – und das ist ein wichtiger Punkt, den die meisten Übersetzer auslassen – ist identisch mit dem Zustand von Yoga an sich, und der Erste ist vorbereitend für den Zweiten (wie in 1.20 erklärt wird). Die erste Art von samādhi (genannt saṃprajñāta oder sabīja) ist Teil des yogischen Vorhabens die Bedingungen zu schaffen, unter denen die vṛttis spontan zu Ruhe kommen, und der Zweite ist der Zustand, in dem sie das getan haben.

Die Feinsinnigkeit, die es braucht um samādhi zu kultivieren wirkt auf viele abschreckend, und für jene mit einer hingebungsvollen Neigung ist es eine Erleichterung zu hören, dass es noch einen anderen Weg gibt den Zustand des Yoga zu erreichen: Hingabe an Gott (1.23). In diesem Abschnitt wird das Wesen Gottes kurz dargestellt (1.24-26), und wir bekommen eine spezifische Technik über ihn zu meditieren: die Kontemplation auf die Silbe ॐ (Oṃ), welche ihn bezeichnet, symbolisiert und für ihn steht (1.27). Patañjali’s Ansicht zufolge, bedeutet das ॐ zu rezitieren über Gott zu meditieren (1.28). Und das letzte sūtra in seinem ‘Gottes-Abschnitt’ des Texts sagt, dass das Wiederholen von ॐ Hindernisse auf dem spirituellen Weg beseitigt (1.29). Patañjali benutzt dieses sūtra als Sprungbrett in den nächsten Teil, welcher eine Klassifizierung der verschiedenen Arten von Hindernissen enthält, die dem yogin in seiner Praxis begegnen (1.30-31). Seinem bereits etablierten Muster folgend, folgen seinen Erörterungen unmittelbar die Methoden, die es braucht um diese Hindernisse zu beseitigen und die wie folgt zusammengefasst werden können: Ein-Punktigkeit (32), das Kultivieren von Werten und positiven Einstellungen (33), prāṇāyāma (34), das Versinken in fließenden Tätigkeiten (35), Kontemplation auf das was erhebend und sattvic ist (36), Meditation auf selbst-realisierte Wesen (diejenigen welche die ‘Anhaftungen abgestreift’ haben, 37), oder Kontemplation auf die Einsichten, welche aus dem Traumzustand oder Tiefschlaf aufkommen (38).

Patañjali schließt das Kapitel mit einer eher esoterischen Diskussion über den Zustand  von samādhi ab (1.41-51; samāpatti ist übrigens ein Synonym für samādhi). Eine vorläufige Definition ist in sūtra 41 gegeben: samādhi ist der Zustand, in dem der Geist (mind) so klar, fokussiert, entspannt und ruhig ist, dass er einfach die objektiven Eigenschaften dessen wiederspiegelt, worauf er sich konzentriert, egal ob auf ein Objekt, eine Sinnesfähigkeit oder den Wissenden selbst. Es folgt eine Klassifizierung von vier Arten oder Stufen von sabīja samādhi, die vermutlich nur für jene mit einer nachhaltigen Meditationspraxis interessant ist.

In der Letzten dieser vier Stufen erfahren wir ‘die Klarheit und Gnade des inneren Selbst’ (47), und unsere ‘Einsicht füllt sich mit Wahrheit’ (48) weil wir die Dinge nun direkt so erfahren wie sie wirklich sind, anstatt sie durch die Linse des konditionierten Verstands (mind) zu betrachten (49). Die saṃskāras oder schlummernden Impressionen dieser direkten Erfahrung der Realität, verhindern gemäß ihrer Natur das Entstehen neuer saṃskāras (50). Das letzte sūtra des ersten Kapitels erklärt mit einem Hochgefühl, dass wir auch dann noch die absolute innere Stille -Yoga- erfahren, wenn sich diese saṃskāras der Einsicht auflösen (51). (Für diejenigen die mit Sanskrit vertraut sind, hier ist folgendes gemeint: asaṃprajñāta-samādhi = nirbīja-samādhi = yoga).

Zusammenfassung

Wir haben gesehen, dass das erste Kapitel des Yoga-sūtra eine verständliche, logische, detaillierte und raffinierte Einführung ins klassische Yoga für Neulinge ist. Die Struktur ist noch verständlicher, wenn man man sie kurz zusammengefasst betrachtet:

Patañjali: Wir werden nun über Yoga sprechen. (sūtra 1)
Student:  Was ist Yoga?  ~ Patañjali: sūtras 2-4
Student:  Was sind die vṛttis?  ~ Patañjali: sūtras 5-11
Student:  Was kannst du tun, um die vṛttis zur Ruhe zu bringen?  ~ Patañjali: sūtras 12-29
Student:  Was verhindert den Zustand von yoga?  ~ Patañjali: sūtras 30-31 Student:  Wie überwindest du diese Hindernisse?  ~ Patañjali: sūtras 32-39
Student:  Welche Stufen werde ich durchlaufen bevor ich den Zustand von yoga erreiche?  ~ Patañjali: sūtras 40-51

Warum ist die Bedeutung des Textes für einen Leser in der heutigen Zeit angesichts der logischen, relativ einfachen und klaren Struktur nicht sofort ersichtlich? Ich würde sagen, dass die signifikante linguistische, psychologische, kulturelle und chronologische Kluft zwischen Patañjali und uns zur Folge hat, dass die Übersetzer in der Literatur aus Patañjalis Zeit sehr belesen sein müssen, um seine Bedeutung fließend zu erfassen. Im Gegensatz dazu muss Patañjalis Abhandlung für die Menschen und Praktizierenden seiner Zeit in seiner Klarheit, Präzision und messerscharfen Einsicht in die yogische Praxis aufsehenerregend gewesen sein. Obwohl es für die Leser der 21. Jahrhunderts nicht so offensichtlich einleuchtend ist, ist es das immer noch, weil es die Qualitäten hat, welche dieser Text auch weiterhin vermittelt. Das zweite Kapitel ist heutzutage viel bekannter und wird besser verstanden, weshalb ich diese klärende Erörterung des ersten Kapitels verfasst habe.

Aber vielleicht fragst du dich, was ein Beitrag über das Yoga-sūtra, einem nicht-tantrischen Text, der um die Zeit verfasst wurde, als Tantra gerade begann, auf einem Blog über tantrische Studien zu suchen hat? Es ist so, dass Patañjalis Text so einflussreich war, dass spätere tantrische Schriften ihn ehren, auch wenn sie  ihn überschreiben und wiedererfinden. Hinweise dafür findest du im nächsten Abschnitt.

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Fußnoten erster Teil

* atha yogānuśāsanam, “Jetzt beginnt die traditionelle Lehre über Yoga”. Bitte beachte, dass Śaṅkarācārya in seinem Brahma-sūtra-bhāṣya aus dem 9. Jahrhundert ein alternatives erstes sūtra zitiert: atha tattva-darśanābhyupāyo yogaḥ, “Nun wird Yoga gelehrt, die direkte Methode, die Dinge so zu sehen wie sie wirklich sind.” Dieses alternative sūtra  wird in ersten Video meines Yoga-sūtra Kurses besprochen (siehe Anmerkung des Übersetzers unten).

** Die meisten Übersetzungen verstehen das wichtige sūtra 1.2 falsch. Das liegt daran, dass es nicht darum geht die Grammatik des Sanskrit zu verstehen, sondern die wichtige Tatsache, dass sich zu Patañjalis Zeit das Wort yoga fast immer auf einen Seins-Zustand bezogen hat; mehr auf das Ziel der Praxis als auf die Praxis selbst. Es wurde durch seine Verbreitung der Praxis zugeordnet. Diese wichtige Information erlaubt uns, es korrekt zu übersetzen.

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Zweiter Teil: Die tantrische Wiedererfindung von Patañjalis aṣṭāṅga-yoga

Das zentrale Schriftstück der Amṛteśvara Linie des Śaiva Tantra ist das Netra-tantra (auch fälschlicherweise als Lakṣmī Kaulārṇava Tantra bekannt). In diesem bisher unveröffentlichten, aber faszinierenden Text aus dem 9. Jahrhundert finden wir eine Hommage an Patañjalis ‘achtgliedrigen Yoga’ (aṣṭāṅga-yoga) und eine vollständige Neuvorstellung seiner Bedeutung. Ich lege hier eine Übersetzung des relevanten Teils dar, dem achten Kapitel zum Thema ‘der Yoga um den Tod durch höhere Meditation zu überwinden’. Was folgt braucht einige Erklärungen, doch das muss das auf einen zukünftigen Beitrag warten.

Yama wird verstanden als die vollständige und ewige Loslösung aus saṃsāra.
Niyama ist die ständige Kontemplation (bhāvanā) der elementaren Realität. || 8.10

Zuflucht im zentralen prāṇa suchend, zwischen den Pfaden des einfachen prāṇa und apāna (piṅgalā und iḍā nāḍī), [sagt man dass] āsana sich einfach dort stabilisiert, abhängig [nur] von der Stärke der Innenschau. || 8.11

Man sollte über die grobe Erfahrung der prāṇas hinausgehen, und ebenfalls [sogar] über den feinstofflichen inneren Pfad, weil man so das feinste Pulsieren (spanda) jenseits des Feinstofflichen erreicht. || 8.12

Wenn der Geist nicht unruhig wird, obwohl er [in Meditation] die Schwingungen von Klang, Erscheinung, Berührung und so weiter wahrnimmt, ist es das, was als wahres prāṇāyāma gelehrt wird. || 8.13

Wenn man diese [inneren Empfindungen] zurückgelassen hat, wird man die höchste strahlende Wohnstätte des Bewusstseins betreten. Das ist es, was als wahres pratyāhāra gelehrt wird, welches das Band des Entstehens durchtrennt. || 8.14

Wenn man durch religiöse Vorstellungskraft (dhīḥ) die guṇas transzendiert und auf das formlose (nirguṇa) unveränderliche Göttliche meditiert, das betrachtet werden sollte und im inneren Bewusstsein erkannt werden kann – das, sagen die Weisen, ist wahres dhyāna. || 8.15

Das womit man das höchste Selbst zu jeder Zeit im Bewusstsein hält ist dhāraṇā — es wird als das gelehrt, was das Band des Entstehens zerstört.  || 8.16

[Zu Erkennen, dass] die Verteilung des Bewusstseins in allen Wesen gleich (sama) platziert (ādhāna) ist, wird als ‘samādhāna’ (i.e., samādhi) gelehrt; [man sagt] mit allem anderen täuschen die Menschen sich selbst.  || 8.17 (die englische Übersetzung folgt hier der von Gavin Flood)

In dieser Welt ist Bewusstsein in allen Wesen universal (samāna-dhīḥ), [das Gleiche] in uns selbst und in anderen. Daher ist es der höchste samādhi [nicht das Ego] der sagt “Ich bin Śiva, einer ohne einen weiteren.” || 8.18

[Der Weise] kennt diesen höchsten samādhi als seine authentische Natur, das Bewusstsein geboren aus unserer Essenz, die wahrgenommen werden muss, [auch] wenn diese nur durch Selbst-Gewahrsein wahrgenommen werden kann. || 8.19

Nachdem man den Unterschied zwischen der Masse des Bewusstseins und der von empfindungsloser Materie ausgemacht hat, kennt der Weise das [resultierende Bewusstsein] als den perfekten Zustand, den samādhi, dessen Natur ewig ist. || 8.20

Somit, wenn man den höchsten ewigen [Zustand] auf diese Weise erlebt hat, verinnerlicht hat als die Wesensnatur durch [die tantrische Version des] achtfachen Yoga, überwindet man den Tod [und verwirklicht seine wahre Natur] als das höchste Göttliche. || 8.21 (die englische Übersetzung folgt G. Flood)

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Englischer Orginalartikel:
Patañjali’s yoga and its Tantrik reinvention

Übersetzung:
Daniela, Marion und Agnes im Auftrag von Hareesh

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Yoga-sūtra Kurs:

Christopher Wallis bietet einen leicht verständlichen Videokurs zum Yoga-sūtra in Englisch an. Mit einem 10-minütigen Video pro sūtra schlüsselt er 123 von Patañjali’s 196 sūtras leicht und verständlich auf. Der Kurs bespricht auch das hier genannte alternative erste sūtra aus dem 9. Jahrhundert. 

https://www.thesutraproject.com/home

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