Drei Wege in die Freiheit

Drei Wege in die Freiheit

Die tantrische Analyse spiritueller Praxis.

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

Eine der Schlüssellehren im klassischen Śaiva Tantra, welche einen großen Teil der nachfolgenden Tradition beeinflusst hat, ist die der drei upāyas, oder der bewährten Methoden (Skillful Means)  zur Befreiung. Diese sind drei verschiedene Wege zur Kultivierung befreienden Bewusstseins; auch wenn sie verschiedenartig sind, führen sie alle ans selbe Ziel, das von samāveśa, oder fortbestehendem Eintauchen in die göttliche Realität.

Abhinavagupta’s Licht auf Tantra besagt, dass dieses Ziel durch Die Göttliche Methode (śāmbhava-upāya), die Methode, in das göttliche Bewusstsein mit Hilfe von nicht-konzeptueller Intuition zu einzutreten; durch Die Ermächtigte Methode (śākta-upāya), die Methode, welche die Arbeit mit der Energie von Glaubens- oder Gedankenkonstrukten und den Gefühlen, die dadurch verursacht werden, betont; oder durch Die Verkörperte Methode (āṇava-upāya), die Methode, welche mit dem physischen und feinstofflichen Körper über verschiedene yogische Übungen arbeitet. Für gewöhnlich wird dieses Ziel durch die Arbeit in allen drei upāyas erreicht, entweder gleichzeitig oder in einer bestimmten Reihenfolge. Tatsächlich argumentiert die tantrische Tradition, dass kein spiritueller Weg vollständig sein kann, der nur ein upāya betont und die anderen beiden praktisch ausschließt.

Das mag erklären warum viele Religionen nicht erfolgreich darin sind spirituelles Erwachen zu erzielen: sie fokussieren sich fast ausschließlich auf Rituale und die ‚guten Taten‘ von āṇava-upāya (z.B. die katholische Kirche, der Hauptstrom des Hinduismus oder der gängige Buddhismus); oder auf die zentrale Rolle von heilsamen Glaubenssätzen und positivistischem Denken von śākta-upāya (z.B. das protestantische Christentum, Vedānta oder die New Age-Bewegung;  oder auf nicht-konzeptuelle Arten, das Bewusstsein aus den konditionierten Gedanken heraus und in die direkte Wahrnehmung zu bringen (z.B. einige Formen des Zen). Doch anstatt die Lehre der upāyas zu benutzen um Religion zu kritisieren, ist es effektiver, sie zu nutzen um die Effizienz einer individuellen spirituellen Praxis zu erhöhen, in welcher Tradition man sich auch immer übt.

Hier ist eine Tabelle, mit der wir das Schema schneller in den Griff bekommen (beachtet die Verfeinerungen, die an der Version gemacht wurden, die in Tantra Illuminated abgedruckt ist):

Da die tantrische Praxis nichts anderes sucht, als die vollständige Integration der ungleichartigen Teile unseres Wesens – das heißt die Verwirklichung unseres Selbst als eine ungeteilte, einheitliche Masse erwachten Bewusstseins – macht es Sinn, dass die Tradition die tantrische sādhana als etwas betrachtet, das auf drei Ebenen funktionieren muss: Körper (den feinstofflichen Körper eingeschlossen), Herz-Verstand und Geist. Auch wenn wir eine der drei Modalitäten primär verfolgen, muss diese notwendigerweise die anderen beiden mit sich bringen, damit das Ziel erreicht werden kann. Und wenn wir in unserer Praxis fortschreiten, erscheinen uns diese drei unterschiedlichen Teile unseres Wesens (Körper-Verstand-Geist) weniger unterschiedlich, bis, wie Abhinavagupta sagt, der Nektar des glückseligen Selbst-Bewusstseins fließt und die inneren Dämme überflutet, die uns trennen, und alle Unterschiede auflöst. Dann wirst du ein ungeteiles Selbst: du erfährst dich selbst als ein vereinigtes Ganzes, eine Masse glückseligen seiner Selbst bewussten Bewusstseins (chidānanda-ghana), die spontan mit der Ganzheit ihres Wesens auf die Ganzheit jedes Moments, den sie erfährt, reagiert.

Mehr zu den drei upāyas findest du in Tantra Illuminated auf den Seiten 349-403. Um die Erörterung aus meinem Buch kurz zusammenzufassen, ‘Die Göttliche Methode’ besteht primär aus:

  • dem Lernen wie man sich Gnade öffnet
  • nichtkonzeptuellem von-Moment-zu-Moment Bewusstsein deines inneren Zustands; und
  • der Verinnerlichung der nichtkonzeptuellen Essenz von Mantras

‘Die Ermächtigte Methode’ fokussiert sich größtenteils auf das Auslöschen oder Entkräfen von mentalen Konstrukten, indem man Ansichten der Realität entwickelt, die hochgradig ermächtigend sind, da sie mehr mit der Natur der Dinge in Einklang sind (vikalpa-saṃskāra). Diese Arbeit führt schließlich zur Fähigkeit mentale Konstrukte vollständig aufzulösen; mit anderen Worten, Die Ermächtigte Methode führt automatisch zur Göttlichen Methode. ‘Die Verkörperte Methode’ besteht schließlich primär aus yoga, in all den Formen wie wir es heute kennen (so wie einigen Formen, die weniger bekannt sind). Die Verkörperte Methode führt schlussendlich zu einer erhöhten Weichheit und Flexibilität in unseren Meinungen und mentalen Konstrukten; anders ausgedrückt führt sie ganz natürlich zu Der Ermächtigten Methode. Wenn sie das nicht tut, hast du der tantrischen Sichtweise zufolge etwas falsch gemacht. 🙂

Zum Abschluss sollte angemerkt werden, dass die Basislehre hier ist “zu tun was funktioniert, und alles zu tun was funktioniert”— upāya kann auch als ‘effektive Methode’ oder, noch genauer, als ‘situations-sensitive Methodologie’ angesehen werden. Kein Lehrer ist erfolgreich ohne eine instinktive Auffassung von upāya, weil upāya immer das Prinzip ‘für wen und wann?’ in Betracht zieht. Anders formuliert, ist eine bestimmte Lehre oder Übung, wie auch immer wahr oder effektiv, richtig für eine bestimmte Person an einem bestimmten Punkt in ihrer Entwicklung, und hört für eine andere Person an einem anderen Punkt in ihrer Entwicklung auf wahr und effektiv zu sein. Wenn ein Ausbildungssystem dieses Prinzip nicht versteht, untergräbt es massiv seine erklärten Ziele, worauf ein früherer amerikanischer Lehrer einer öffentlichen Schule vor kurzem hingewiesen hat, in einem herzerweichenden Aufschrei den man zusammenfassen kann als “Was ist Bildung ohne upāya?”

Übersetzung: Daniela und Agnes für Hareesh

Englischer Orginalartikel:
Three ways to freedom

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