Die wahre Geschichte der Chakras

Die wahre Geschichte der Chakras

Die sechs wichtigsten Dinge, die ihr bisher nicht über die Chakras wusstet

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

In den vergangenen hundert Jahren hat das Konzept der Chakras, oder feinstofflichen Energiezentren innerhalb des Körpers, die Vorstellungskraft des Westens so ergriffen, wie praktisch keine andere Lehre aus der Tradition des Yoga. Trotzdem – und das gilt genau so für die meisten anderen Konzepte, die ihren Ursprung in auf Sanskrit verfassten Quellen haben – ist es dem Westen (mit Ausnahme einer Handvoll von Akademikern) fast vollständig misslungen zu verstehen, was das Chakra-Konzept in seinem ursprünglichen Kontext bedeutet hat und auf welche Weise man mit ihnen praktizieren sollte. Dieser Artikel versucht, diese Situation bis zu einem gewissen Grade zu bereinigen. Wenn du nicht viel Zeit hast, kannst du die Anmerkungen zum Kontext, die ich gleich machen werde, überspringen und direkt zu der Liste der sechs grundlegenden Fakten über die Chakras, die moderne Yogis nicht kennen, springen.

Zuallerst: Wie definieren wir „Chakra“? In den tantrischen Traditionen, aus denen das Konzept kommt, sind Chakras (Sanskrit: cakra) Konzentrationspunkte im menschlichen Körper für die Meditation, die als Energiestrukturen in Form von Scheiben oder Blüten an den Stellen visualisiert werden, wo eine Anzahl von nāḍīs (Energiekanäle oder Meridiane) zusammentreffen. Es handelt sich um konzeptionelle Strukturen, die dennoch eine phänomenologische Basis haben, weil sie tendenziell dort lokalisiert werden, wo menschliche Wesen emotionale und/oder spirituelle Energie wahrnehmen, und weil die Form, in der sie visualisiert werden, auf visionären Erlebnissen von Meditierenden beruht.

(Weiter oben habe ich gesagt, dass es dem Westen bis jetzt nicht gelungen ist, die Chakras zu verstehen. Lasst mich klarstellen, dass ich mit „Westen“ nicht nur die euro-amerikanische Kultur meine, sondern auch die Aspekte der modernen indischen Kultur, die von der euro-amerikanischen Kulturmatrix beeinflusst worden sind. Weil es derzeit nahezu unmöglich ist, eine Form von Yoga in Indien zu finden, die nicht von euro-amerikanischen Ideen über sie beeinflusst worden ist, beziehe ich, wenn ich den Begriff „westlich“ verwende, die meisten Lehren über Yoga im heutigen Indien mit ein, die in englischer Sprache existieren.)

Okay, ich werde es euch ganz klar sagen: Im Großen und Ganzen versteht westliches Yoga fast nichts von dem, was die ursprüngliche Tradition an den Chakras für wichtig hielt. Wenn ihr ein Buch wie Anodea Judiths berühmtes „Lebensräder“ oder dergleichen lest, dann ist es wichtig, dass ihr erkennt, dass ihr kein Werk der Yogaphilosophie lest, sondern ein Werk des westlichen Okkultismus, das auf drei Hauptquellen basiert: 1) Frühere Werke des westlichen Okkultismus, die Begriffe aus dem Sanskrit entlehnen und anpassen, ohne diese wirklich zu verstehen (wie z.B. „Die Chakras“ des Theosophen C.W. Leadbeater von 1927); 2) John Woodroffes im Jahre 1918 veröffentlichte, fehlerbehaftete Übersetzung eines Textes über die Chakras, der auf Sanskrit im Jahre 1577 verfasst wurde (das wird unten ausführlicher behandelt); und 3) Bücher aus dem 20. Jahrhundert von indischen Yoga-Gurus, die ihrerseits überwiegend auf den Quellen 1) und 2) basieren. Bücher über die Chakras, die auf einem gründlichen Verständnis der Originalquelltexte auf Sanskrit basieren, existieren bis jetzt nur in der akademischen Welt.

„Aber kommt es darauf überhaupt an?“, fragen mich Yogis. „Ich habe so viel Gewinn aus Anodea Judiths Buch und anderen, ähnlichen Büchern ziehen können, bitte nimm mir das nicht weg!“ Das werde ich nicht und das kann ich nicht. Was für einen Nutzen du auch immer empfangen hast, aus welcher Quelle auch immer, ist real, wenn du sagst, er sei real. Ich bin nur hier, um dir zwei Dinge zu sagen: Erstens, wenn moderne westliche Autoren, die zum Thema Chakras schreiben, andeuten, dass sie uralte Lehren präsentieren, dann täuschen sie dich – aber sie wissen nicht, dass sie das tun, denn sie haben keinen Zugang zu ihrem eigenen Quellmaterial (weil sie kein Sanskrit lesen). Zweitens bin ich hier für alle, die es interessiert, um ein bisschen was darüber zu sagen, was yogische Konzepte in ihrem ursprünglichen Zusammenhang bedeuten (weil ich ein Sanskrit-Wissenschaftler und ein Praktizierender bin, der eben die traditionellen Formen bevorzugt). Nur du kannst beurteilen, ob das für dich von irgendeinem Nutzen ist. Ich behaupte nicht, dass das Alte wirklich besser ist. Ich versuche nicht anzudeuten, dass westlicher Okkultismus wertlos ist. Ich nähere mich nur der historischen Wahrheit in einfachen Worten so gut wie möglich an. Deshalb mache ich jetzt damit weiter: Die sechs grundlegenden Fakten über die Chakras, die moderne Yogis nicht kennen.

1. Es gibt nicht nur ein Chakrasystem in der ursprünglichen Tradition, sondern viele.

Sehr viele! Die Theorie des feinstofflichen Körpers und seiner Energiezentren, die Chakras genannt werden (oder or padmas (Lotusblüten), ādhāras, lakṣyas (Konzentrationspunkte), etc.) kommt aus der Tradition des tantrischen Yoga, die von 600 bis 1300 n. Chr. erblühte und bis heute lebendig ist. Im voll entwickelten tantrischen Yoga (nach dem Jahr 900 oder so), artikulierte jeder der vielen Zweige dieser Tradition ein anderes Chakrasystem, und manche mehr als eines. Fünf-Chakra-Systeme, Sechs-Chakra-Systeme, Sieben, Neun, Zehn, Zwölf, 21 und mehr Chakras wurden gelehrt, abhängig davon, welchen Text und welche Schule man sich anschaut. Das Sieben-Chakra-System (bzw. technisch Sechs + Eins), das westliche Yogis kennen, ist nur eines von vielen und es erlangte seine vorherrschende Stellung um das 15. Jahrhundert herum (vgl. Nr. 4 unten).

Jetzt weiß ich, was ihr denkt – „Aber welches System ist richtig? Wie viele Chakras gibt es wirklich?“ Und das bringt uns zum ersten wesentlichen Missverständnis. Die Chakras sind nicht so wie Organe im physischen Körper; sie sind keine feststehenden Tatsachen, die wir so studieren könnten, wie Ärzte Nervenzellknoten studieren (mit denen die Chakras im 19. Jahrhundert verwechselt wurden). Der Energiekörper (sūkshma-sharīra) ist eine außergewöhnlich fluide Realität, wie von etwas Nichtphysischem und Übersinnlichen nicht anders zu erwarten. Der Energiekörper kann sich, erfahrungsgemäß, mit einer beliebigen Anzahl von Energiezentren präsentieren, abhängig von der Person und ihrer yogischen Praxis.

Nachdem das nun klar ist, gibt es auch einige Zentren, die sich in allen Systemen wiederfinden: besonders im Unterbauch oder Sexualzentrum, im Herzen und in oder in der Nähe der Krone des Kopfes, weil dies drei Orte im Körper sind, in denen Menschen auf der ganzen Welt sowohl emotionale als auch spirituelle Phänomene erleben. Aber abgesehen von diesen dreien gibt es eine riesige Vielfalt in den Chakrasystemen, die wir in der Originalliteratur finden. Eines ist nicht „richtiger“ als das andere, außer in Beziehung zu einer bestimmten Übungsmethode. Wenn man zum Beispiel eine Fünf-Elemente-Übung macht, dann benutzt man ein Fünf-Chakra-System (Siehe Nr. 6 unten). Wenn man die Energien von sechs verschiedenen Gottheiten verinnerlicht, dann benutzt man ein Sechs-Chakra-System. Ach nee, was du nicht sagst! Aber dieses wesentliche Stück Information hat das westliche Yoga bisher nicht erreicht.

Wir haben erst damit begonnen, in dieses Kaninchenloch hinabzusteigen, Alice. Möchtest du mehr lernen?

2. Die Chakra-Systeme sind präskriptiv, nicht deskriptiv

Dies könnte der wichtigste Punkt sein. Englische Quellen haben die Tendenz, das Chakrasystem als eine existentielle Tatsache zu präsentieren, indem sie beschreibende Sprache benutzen (wie „Das Muladhara Chakra befindet sich am unteren Ende der Wirbelsäule und ist rot“ und so weiter). Aber in den meisten der ursprünglichen Sanskritquellen werden wir nicht darüber belehrt, wie die Dinge sind, sondern es wird uns eine bestimmte yogische Übungsmethode gegeben: Wir sollten an einem bestimmten Punkt im Körper ein feinstoffliches Objekt aus farbigem Licht visualisieren, das wie eine Lotusblüte oder wie ein sich drehendes Rad geformt ist, und sollen dann zu einem bestimmten Zweck mantrische Silben darin aktivieren. Wenn du das verstehst, macht Punkt 1 oben mehr Sinn. Die Texte schreiben vor – sie sagen dir, was du tun sollst, um ein bestimmtes Ziel mit mystischen Mitteln zu erreichen. Wenn es auf Sanskrit, in dessen verschleiertem Stil, wörtlich „roter Lotus mit vier Blütenblättern am unteren Ende des Körpers“ heißt, dann müssen wir das wie folgt verstehen „Der Yogi sollte einen Lotus mit vier Blütenblättern… visualisieren“. Mehr hierüber findest du in Punkt Nr. 5 unten.

3. Die psychologischen Zustände, die mit den Chakras in Verbindung gebracht werden, sind vollständig modern und westlich

Auf zahllosen Webseiten und in zahllosen Büchern lesen wir, dass das mūlādhāra Chakra mit Überleben & Sicherheit in Verbindung gebracht wird, dass das maṇipūra Chakra mit Willenskraft & Selbstbewusstsein zusammenhängt, und so weiter. Der gebildete Yogi sollte wissen, dass jegliche Verbindung von Chakras mit psychologischen Zuständen eine moderne westliche Neuerung ist, die mit C.G. Jung begann. Vielleicht stellen diese Verbindungen für einige Leute auf Erfahrung beruhende Realitäten dar (obwohl das ohne Bahnung* normalerweise nicht der Fall ist), jedenfalls finden wir sie nicht in Quellen auf Sanskrit. Es gibt meines Wissens nur eine Ausnahme, und das ist das Zehn-Chakra-System für yogische Musiker, zu dem ich einen Blog-Eintrag verfasst habe. In diesem System aus dem 13. Jahrhundert finden wir jedoch keine Verbindung jedes Chakras mit einer bestimmten Emotion oder einem psychologischen Zustand; es ist vielmehr so, dass jedes Blütenblatt eines jeden Lotus-Chakras mit einer bestimmten Emotion oder einem psychologischen Zustand in Verbindung gebracht wird, und es scheint kein Muster zu geben, mit dessen Hilfe wir eine einheitliche Kennzeichnung für das Chakra als Ganzes bilden könnten.

Aber das ist noch nicht alles. Fast alle der vielen Entsprechungen, die in Anodea Judiths „Lebensräder“ zu finden sind, haben keine Grundlage in den indischen Schriften. Jedes Chakra, sagt uns Frau Anodea, entspricht einer Körperdrüse, bestimmten körperlichen Fehlfunktionen, bestimmten Nahrungsmitteln, einem bestimmten Metall, einem Mineral, einer Heilpflanze, einem Planeten, einem Yogaweg, einer Farbe im Tarot, einer Sephiroth im jüdischen Mystizismus und einem christlichen Erzengel! Keine einzige dieser Assoziationen findet sich in den Originalquellen. Frau Anodea oder ihre Lehrer haben sie auf der Basis wahrgenommener Ähnlichkeiten geschaffen. Das gilt auch für die ätherischen Öle und Kristalle, von denen andere Bücher und Webseiten behaupten, dass sie mit den Chakras korrespondieren. (Ich sollte betonen, dass Frau Anodea einige Information aus einer Originalquelle auf Sanskrit anführt [nämlich aus dem Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa, dazu siehe unten] und zwar unter der Bezeichnung „Lotussymbole“ für jedes Chakra.)

Das soll nicht heißen, dass es dir, wenn du Probleme mit deinen Selbstbewusstsein hast, nicht helfen könnte, dich besser zu fühlen, wenn du eine bestimmte Art von Kristall auf deinen Bauch legst, und dir vorstellst, dein maṇipūra Chakra zu reinigen. Ob es möglicherweise helfen wird oder nicht, ist abhängig von der Person. Obwohl diese Übung sicherlich nicht traditionell ist und nicht über Generationen hinweg erprobt wurde (worum es in der Tradition hauptsächlich geht und das meine ich ernst), gibt es mehr zwischen Himmel und Erde als sich das Gehirn eines Rationalisten erträumen könnte.

Allerdings sollten meiner Meinung nach die Leser erfahren, dass der Stammbaum einer Methode nur ein paar Jahrzehnte zurückreicht und nicht ein paar Jahrhunderte. Wenn eine Methode einen Wert hat, dann musst du ihre Herkunft nicht verfälschen, oder?

4. Das heute so populäre Sieben-Chakra-System stammt nicht aus einer alten heiligen Schrift, sondern aus einem Traktat, das im Jahr 1577 geschrieben wurde.

Das Chakrasystem, dem westliche Yogis folgen, findet sich in einem Sanskrittext, der von jemand namens Pūrṇānanda Yati geschrieben wurde. Er stellte seinen Text (das Ṣaṭ-chakra-nirūpaṇa oder „Erklärung der Sechs Chakras“, der tatsächlich ein Kapitel eines größeren Werkes ist) im Jahr 1577 fertig, und er wurde vor etwas mehr als 100 Jahren, im Jahr 1918, ins Englische übersetzt.

In einer früheren Version dieses Posts habe ich dies Sieben-Chakra-System „jung und in gewisser Weise atypisch“ genannt. Aber nach ein paar Tagen merkte ich, dass ich mich geirrt hatte – eine einfachere Version desselben Sieben-Chakra-Systems findet sich in einem Text aus dem 13. Jahrhundert namens Śāradā-tilaka, wobei dieser Text ausdrücklich bestätigt, dass es verschiedene Chakrasysteme gibt (wie z.B. Systeme mit 12 oder 16 Chakras). Wir finden auch eine stärker ausgearbeitete Version desselben Systems in der aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammenden Śiva-samhitā. Nichtsdestotrotz kennen die meisten Yogis (sowohl indische als auch westliche) das Sieben-Chakra-System durch Pūrṇānanda’s Werk aus dem 16. Jahrhundert, bzw. durch die etwas unzusammenhängende und verwirrende Übersetzung dieses Werkes durch John Woodroffe aus dem Jahre 1918. Es ist nach wie vor richtig zu sagen, dass dieses Sieben-Chakra-System für die letzten vier und fünf Jahrhunderte vorherrschend war. Aber es ist ebenfalls wahr, dass das verwestlichte Sieben-Chakra-System, das du kennst, auf der Interpretation einer fehlerhaften Übersetzung einer nicht zum Schriftenkanon gehörenden Quelle durch einen Okkultisten des frühen 20. Jahrhunderts basiert. Das macht es auf keinen Fall wertlos, es dient vielmehr dazu, seine Vorherrschaft zu problematisieren.

Ich weise darauf hin, dass im tantrischen Buddhismus (z.B. aus Tibet), oft ältere Formen erhalten geblieben sind, und tatsächlich ist das Fünf-Chakra-System in dieser Tradition vorherrschend (genauso wie das grundlegendere Drei-Bindu-System). Das typische Fünf-Chakra-Systems, wie man es im klassischen Tantra findet, ist auf Seite 387 meines Buches Tantra Illuminated zu finden.

5. Der Hauptzweck eines Chakra-Systems ist, als Vorlage für nyāsa – die Installation von Mantras und Gottheiten – zu dienen

Nach Ansicht der Originalautoren war es der Hauptzweck eines jeden Chakra-Systems, als Vorlage für nyāsa zu dienen – das bedeutet Mantras bzw. Energien von Gottheiten an bestimmten Punkten des feinstofflichen Körpers zu installieren. Obwohl heutzutage Millionen von Menschen fasziniert von den Chakras sind, benutzt sie fast niemand zu ihrem vorgesehenen Zweck. Das ist in Ordnung. Nochmal, ich bin nicht hier um jemanden zu unterstellen, dass er falsch liegt, sondern um diejenigen zu unterrichten, die es interessiert.

Die hervorstechendsten Merkmale der Chakrasysteme in den Originalquellen sind diese Drei: 1) dass die mystischen Laute des Sanskritalphabets über die „Blütenblätter“ aller Chakras in dem System verteilt sind, 2) dass jedes Chakra mit einem bestimmten Element (Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum) assoziiert wird und 3) dass jedes Chakra mit einer bestimmten hinduistischen Gottheit oder Gottheiten verbunden wird. Wie ich zuvor schon sagte, liegt das daran, dass das Chakrasystem in erster Linie eine Vorlage für nyāsa ist. In der Praxis des nyāsa (wörtlich: platzieren) visualisierst du eine bestimmte mantrische Silbe an einem bestimmten Ort in einem bestimmten Chakra in deinem Energiekörper, während du stumm ihren Klang intonierst.

Offensichtlich ist diese Praxis in einen kulturspezifischen Kontext eingebettet, in dem die Laute der Sprache Sanskrit als außergewöhnlich mächtige Schwingungen angesehen werden, die einen wirksamen Teil einer mystischen Praxis darstellen können, welche spirituelle Befreiung oder weltlichen Nutzen durch magische Mittel herbeiführt. Das Bild und die Energie einer bestimmten Gottheit in einem bestimmten Chakra zu aktivieren ist ebenfalls etwas Kulturspezifisches, obwohl diese Praxis auch für westliche Yogis potentiell von Bedeutung sein könnte, wenn es ihnen gelingt zu verstehen, wofür diese Gottheiten stehen, möglicherweise aber nie so bedeutungsvoll wie für jemanden, der mit diesen Gottheiten im Sinne von paradigmatischen, in das Unterbewusstsein eingebrannten Archetypen aufgewachsen ist.

Die sogenannten Ursachengottheiten (karana-devatās) spielen in jedem Chakra-System eine große Rolle. Diese Gottheiten bilden eine feststehende Folge: Vom untersten zum höchsten Chakra sind dies Ganesh, Brahmā, Vishnu, Rudra, Īśvara, Sadāśiva, and Bhairava, wobei die erste und die letzte oft nicht auftauchen, abhängig von der Anzahl der Chakras. Die letzte Gottheit in der Liste der Ursachengottheiten ist niemals die höchste Gottheit des betreffenden Systems, da diese Gottheit (welche auch immer es ist) im sahasrāra oder tausendblättrigen Lotus am höchsten Punkt des Kopfes inthronisiert wird (das technisch betrachtet kein Chakra ist: Chakras werden per Definition von der Kundalinikraft bei deren Auf- oder Abstieg durchbohrt, während sahasrāra ihr endgültiges Ziel und ihre Heimat ist). Deswegen wird Bhairava (die esoterischste Form von Shiva) nur dann in die Liste der Ursachengottheiten aufgenommen, wenn er von der Göttin transzendendiert wird, die die höchste Gottheit in vielen dieser Systeme ist.

6. Die Samen-Mantras, von denen ihr denkt, dass sie zu den Chakras gehören, gehören zu den Elementen, die gerade in den Chakras installiert werden.

Das ist einfacher als es sich anhört. Dir wurde gesagt, dass das Samen-Mantra (bīja) des mūlādhāra Chakra LAM ist. Nun, das ist nicht so. In keiner einzigen Sanskritquelle, nicht einmal in Pūrṇānandas etwas verstümmelter synkretistischer Darstellung. Und das Mantra des svādhiṣṭhāna Chakras ist nicht VAM. Warte mal, wie bitte?

Es ist ganz einfach: LAM (reimt sich auf „Lamm“) ist das Samen-Mantra des Elements Erde, das in den meisten Chakra-Visualisierungsmethoden im mūlādhāra Chakra installiert wird. VAM ist das Samen-Mantra des Elements Wasser, das im svādhiṣṭhāna Chakra installiert wird (jedenfalls in dem Sieben-Chakra-System, das du kennst). Und so weiter: RAM ist die Silbe für Feuer, YAM für Wind und HAM für Raum. (All diese bījas reimen sich auf „Lamm“, wobei ich sagen sollte, dass die bījas der Elemente im esoterischen tantrischen Yoga jeweils unterschiedliche Vokallaute haben, die als wesentlich stärker angesehen werden).

Worauf ich hinaus will ist, dass die grundlegenden Mantras, die auf jeder Webseite, die man googeln kann, mit den ersten fünf Chakras assoziiert werden, in Wirklichkeit nicht per se zu diesen Chakras gehören, sondern vielmehr zu den fünf Elementen, die in den Chakras installiert werden. Dies ist wichtig zu wissen, wenn du jemals eines dieser Elemente an einem anderen Ort installieren willst. „Keuch! So etwas kann ich machen?“ “Absolut.” Tatsächlich können wir beobachten, dass in verschiedenen tantrischen Schulen die Elemente an ganz unterschiedlichen Orten installiert werden. Die Saiddhāntika-Linie zum Beispiel installierte Erde im Herzchakra. Was glaubst du, wie es sich auf deine Beziehungen auswirkt, wenn du immer das Element Wind im Herzchakra installierst? (Erinnere dich, YAM ist das Mantra von Luft/Wind, nicht das Mantra des anāhata Chakras, dessen innewohnendes Mantra in Wirklichkeit OM ist.) Ist dir jemals aufgefallen, dass moderne amerikanische Yogis instabile Beziehungen haben? Könnte das möglicherweise damit zusammenhängen, dass sie immer wieder Wind auf der Ebene des Herzens aktivieren? Neee….. (Ich kann jetzt Witze machen, weil nur ein kleiner Prozentsatz meiner Leser es bis hierhin geschafft haben wird.) Vielleicht möchtet ihr irgendwann Erde im Herzen installieren, weil Erdung gut für euer Herz ist. In diesem Fall ist es schon irgendwie praktisch zu wissen, dass LAM das Mantra des Elements Erde ist, nicht das Mantra des mūlādhāra Chakra.

Des Weiteren gehören auch die meisten geometrischen Formen, die heute mit den Chakras assoziiert werden, richtigerweise zu den Elementen. Erde wird traditionellerweise durch ein (gelbes) Quadrat repräsentiert, Wasser durch einen (silbrigen) Sichelmond, Feuer durch ein nach unten zeigendes (rotes) Dreieck, Wind durch ein Hexagramm oder einen sechszackigen Stern und Raum durch einen Kreis. Wenn du also diese Figuren in Abbildungen der Chakras eingezeichnet siehst, dann weisst du jetzt, dass sie tatsächlich die jeweiligen Elemente repräsentieren und nicht eine Geometrie darstellen, die dem Chakra selbst innewohnt.

Dies bringt mich zu meinem letzten Punkt: selbst eine Sanskritquelle kann verwirrend sein. Zum Beispiel werden in Pūrṇānandas Text aus dem 16. Jahrhundert, der die Basis des populären modernen Chakrasystems ist, die fünf Elemente in den ersten fünf Chakras eines Sieben-Chakra-Systems installiert. Das funktioniert aber eigentlich nicht, weil in allen klassischen Systemen das Element Raum am Scheitelpunkt des Kopfes installiert wird, denn das ist der Punkt, an dem der yogī eine sich ausdehnende Öffnung in den unendlichen Raum erlebt. Raum ist das Element, das mit dem Unendlichen verschmilzt, deshalb muss es am höchsten Punkt des Kopfes oder in der Nähe dieses Punktes sein. Ich würde vermuten, dass Pūrṇānanda das Element Raum am Kehlkopfchakra platziert hat, weil er in einer Zeit zunehmenden dogmatischen Festhaltens an überlieferten Traditionen ohne kritische Reflektion lebte (ein Trend, der sich leider fortgesetzt hat). Die Tradition, die er überliefert bekommen hatte, war eine Kaula-Tradition, also eine Tradition, in der die klassischen Ursachen-Gottheiten nach unten geschoben wurden, um Platz zu schaffen für spätere, höhere Gottheiten (insbesondere Bhairava und die Göttin). Die Elemente wurden weiterhin unbedacht mit den Gottheiten und Chakras, mit denen sie zuvor assoziiert waren, in Verbindung gebracht. (Andererseits ist die Tatsache, dass Pūrṇānanda aus Quellen der Kaula-Tradition schöpft, nicht offensichtlich, denn anstatt die Göttin im sahasrāra Chakra zu inthronisieren, wie man es in einem Kaula Sieben-Chakra-System erwarten würde, finden wir dort Paramaśiva, möglicherweise auf Grund der Einflüsse des Vedānta.)

Wir haben das Thema nur oberflächlich angekratzt. Nein, ich scherze nicht. Es ist wirklich komplex, wie du erkennen kannst, wenn du dir die akademische Literatur anschaust, wie Dory Heilijgers-Seelens Arbeit, oder Gudrun Bühnemanns. Es bedarf einer ungewöhnlichen Geduld, so eine Arbeit zu lesen, geschweige denn sie zu produzieren. Was ich mir als Ergebnis dieses Posts erhoffe: Ein bisschen Bescheidenheit. Ein paar weniger Ansprüche auf Autorität, wenn es um wirklich esoterische Themen geht. Vielleicht ein paar weniger Yogalehrer, die ihren Schülern erklären, um was es bei den Chakras eigentlich geht. Zum Kuckuck, ich bin überwältigt von der Komplexität der Originalquellen, und das mit vierzehn Jahren Erfahrung in Sanskrit auf dem Buckel.

Dies ist immer noch überwiegend unbekanntes Terrain. Behauptet nicht, dass ihr etwas wisst, wenn es um Chakras geht. Sagt euren Yogastudenten, dass jedes Buch über die Chakras nur eines der möglichen Modelle präsentiert. Praktisch nichts von dem, was auf Englisch geschrieben wird, ist verbindlich für Yogapraktizierende. Was spricht also dagegen, die Überzeugungen, die man zum Thema Yoga gewonnen hat, ein wenig milder zu vertreten, sogar während man weiter lernt? Lasst uns zugeben, dass wir diese uralten Yogapraktiken noch nicht vollständig verstehen; und anstatt zu versuchen, eine Autorität für eine übermäßig vereinfachte Version davon zu werden, könnt ihr euch selbst und eure Yogastudenten dazu einladen, ihre eigenen inneren Erfahrungen klarer, ehrlicher, gründlicher und weniger wertend zu betrachten.

Immerhin ist alles, was jeder Yogameister jemals erlebt hat, auch in dir.

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Nachtrag: Dieser Post erhält eine weitere Verbreitung als ich es gewohnt bin, und einige Leute, die mich nicht kennen, interpretieren meinen ironischen Ton als Arroganz oder Sarkasmus. Tatsächlich bin ich im Herzen ein echter Softie. Bitte lest meinen Lebenslauf (nur Englisch), so dass ihr die Qualifikationen beurteilen könnt, auf deren Grundlage ich die Behauptungen in diesem Post mache.

Anmerkung der Übersetzer:
*Bahnung (Psychologie, engl. priming) betrifft die Verarbeitung von Reizen und Informationen im Gehirn.

Übersetzung von Agnes und Daniela für Hareesh

Orginalartikel:
The real Story on the Chakras

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