Was du wirklich willst

Was du wirklich willst

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

In diesem Blog möchte ich eine persönliche Erkenntnis teilen, welche auf der Yogatradition basiert mit der mich ich seit 20 Jahren ununterbrochen befasse und die sich in den letzten paar Jahren in tiefer innerer Kontemplation herauskristallisiert und verfeinert hat. Es scheint mir als ob diese spezielle Erkenntnis, wenn man sie begreift, ein eine bahnbrechende Veränderung im spirituellen Leben sein kann. Wie alle tiefgreifenden Wahrheiten ist sie auf der einen Seite ganz einfach und auf der anderen Seite kann das Ergründen ihrer Konsequenzen deine Welt verändern.

Zunächst ein paar Sätze zum Kontext. In der Yoga-Philosophie finden wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen dem Körper-Verstand (body-mind, das Reich von prakrti) und unserer tiefsten Natur, unserem elementaren Wesen, unserer inneren Göttlichkeit sozusagen ~ der unsterblichen überpersönlichen Kraft des Bewusstseins selbst (unterschiedlich bezeichnet als svarūpa, svabhāva, ātman, cit, usw.). Patañjali (der Autor des Yoga-Sūtra) und andere Weise behaupten, dass fast all unser Leiden darauf zurückzuführen ist, dass wir die jeweilige Natur des Körper-Verstandes (body-mind) und unserem innersten Wesen nicht verstehen und ihre Eigenschaften fälschlicherweise gegenseitig vertauschen. Wir neigen dazu ein Selbst zu suchen, ein beständiges Zentrum, wo es nicht gefunden werden kann, und identifizieren uns mit dem was wir im Grunde nicht sind, und zwar mit dem Inhalt unseres Bewusstseins (wie Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen) anstelle mit dem Bewusstsein selbst, dem inneren Wissenden.

Hier ist also der einfache Vorschlag, welchen ich dir anbieten möchte. Obwohl es etwas ist, was ich persönlich erkannt habe, formuliere ich es hier in der zweiten Person, damit es wirkungsvoller ist:

Du kannst einen Einblick in den Unterschied zwischen dem was du denkst das du bist und dem was du wirklich bist gewinnen, indem du das was du denkst das du willst mit dem vergleichst was ist – weil das was du wirklich bist, immer das will, ‚was ist‘ und das unter allen gegebenen Umständen. Deine Wesensessenz ist stets im Einklang mit der Realität – und verschreibt sich selbst bedingungslos an das, was ist, der Realität des gegenwärtigen Moments, egal für wie verwunderlich, öde oder entsetzlich unser Verstand (mind) es auch hält. Vielleicht bist du nicht in Kontakt mit deiner Wesensessenz, aber sie ist immer da, stets freundlich, bedingungslos, liebevoll und sich der Realität hingebend, was immer auch passiert.

Lasst uns anschauen wie Begehren auf diesen zwei unterschiedlichen Ebenen unseres Wesens agiert. Der Körper-Verstand (body-mind) wünscht sich fast immer etwas, das gerade nicht passiert – das reicht vom Wunsch nach einer anderen Temperatur bis hin zur Sehnsucht nach einer anderen Arbeits- oder Lebenssituation. Deine Wesensessenz hingegen möchte genau das was passiert, ist im Einklang mit dem was passiert und gibt sich selbst dem hin, was passiert – sie hat nicht einmal die Fähigkeit etwas anderes zu wollen, als das, was passiert.* Wenn also der Körper-Verstand Aspekt gerade etwas haben will, was er nicht hat, dann genießt die Wesensessenz ganz einfach die Erfahrung des Verlangens. Da die Wesensessenz das möchte, was ist – möchte sie auch Wollen, wenn der Körper-Verstand gerade etwas haben will; sie ist zufrieden mit dem Wollen.

Wenn man sich auf einem spirituellen Pfad befindet, ist der springende Punkt nicht, dass man das Verlangen loswerden muss oder vorgibt, etwas in Ordnung zu finden, das eigentlich nicht in Ordnung ist. Anstatt den Körper-Verstand davon zu überzeugen, etwas anderes zu wollen als er meint zu wollen, engagieren wir uns in spiritueller Praxis, um einen Zustand des Seins zu erreichen in dem wir bereits völlig zufrieden mit dem sind, was ist ~ einem Zustand, in dem wir fühlen „alles ist gut, alles ist gut, das was ist, ist gut,“** einschließlich des Verlangens, der Trauer und dem Schmerz. Schmerz wird zum Gegenstand unglaublicher Schönheit, wenn man ihn im Licht seiner wahren Natur betrachtet.

Das ist natürlich nicht das, woran zu Glauben unser Verstand (mind) programmiert ist. Der Verstand (mind) glaubt, zu bekommen was er möchte ist das Beste was überhaupt passieren könnte – dass zu bekommen was er meint zu wollen, der Königsweg zum Glücklichsein ist. Im Gegensatz dazu weiß die Wesensessenz, dass sie nicht weiß was am Besten für sie ist. Und darüber hinaus weiß sie, oder nimmt eher frei von Konzepten an, dass es keinen Weg oder eine genaue Linie gibt, die zum Glücklichsein führt; dass die Anhäufung von Gelegenheiten oder gewünschten Erfahrungen nirgendwo speziell hinführen und wahres Glück und Zufriedenheit entstehen, indem man in sein wahres Selbst hinein entspannt, was bedeutet sich in die natürliche Fähigkeit zu entspannen, mit dem zu sein, was ist.

Nachdem ich die Lektion gelernt hatte, dass das Ziel des spirituellen Lebens volle Hingabe und Offenheit an die Realität ist, fühlte ich mich schrecklich, weil ich mich der Realität widersetzte. Jeder Zustand des Nicht-Akzeptierens wurde noch unangenehmer, da ich mich selbst dafür nieder machte, die Dinge nicht annehmen zu können wie sie sind! Es war eine bahnbrechende Veränderung zu erkennen, dass wahre Akzeptanz den Widerstand meines Geistes (mind) beinhaltet. Anstatt den Charakter meines Geistes (mind) und meiner Emotionen ändern zu wollen, entdeckte ich, dass ich durch das Absinken auf eine tiefere Ebene von dem, was ich bin, ganz natürlich in eine liebevolle Akzeptanz meiner Nicht-Akzeptanz komme, was einzigartige Freude offenbarte.

Die Fähigkeit mit dem zu sein ‚was ist‘ (सत् sat in Sanskrit), ist das höchste Glück (satchidānanda, ‚das Glück der Wahrnehmung der Realität‘), und ist innig mit einem tiefen Vertrauen in das Leben verbunden. Wenn ich etwas möchte und es nicht passiert, kann ich mir sicher sein, dass es zu bekommen nicht das Richtige gewesen wäre. Zudem ist es ein Geschenk nicht zu bekommen was ich denke, das ich will, denn es lehrt mich etwas darüber, was ich nicht bin. Wenn ich etwas nicht bekomme, weiß ich, dass derjenige, der es wollte das Ego oder ‚falsche Selbst‘ war *** – weil meine wahre Natur immer das bekommt was sie will. Letztendlich will sie nur das, was das Leben will, denn sie ist Leben.

Lass das alles erstmal sacken, schau aus dem Fenster und ’sei damit‘ für eine Minute. Wenn du bereit bist, kannst du mit dem Lesen dieser Lektion weiter unten fortfahren.

Obwohl dein Körper-Verstand (body-mind) scheinbar so viele Dinge will, ist sein tiefster geheimer Wunsch mehr wie die Wesensessenz zu sein; oder in anderen Worten, was er wirklich will ist aufzuhören so verflixt viel zu Wollen. Dein Verstand denkt, dass das Beenden des Wollens nur durch das Erfüllen deiner spezifischen Wünsche erfüllt werden kann, aber das ist nicht wahr: auf diesem Weg entstehen neue Wünsche sobald die vorhergehenden Wünsche erfüllt wurden. Wie auch immer, die tiefe Erfüllung und Zufriedenheit, nach der sich der Körper-Verstand (body-mind) sehnt, entsteht mit Leichtigkeit und Natürlichkeit, je mehr der Körper-Verstand den Eindruck der Wesensessenz empfängt. Dann betrachtet man das Aufgeben des frustrierenden Begehrens als das natürliche Resultat der Liebe zu dem, was vollkommener ist.

Zusammengefasst ist die Wesensessenz bereits ewig in Liebe mit und erfüllt von der Realität, so wie sie ist (nityānanda-svarūpa). Daher beinhaltet spirituelle Arbeit das wiederholte Berühren deiner Wesensessenz, um dem Körper-Verstand (body-mind) zu ermöglichen, den Abdruck des göttlichen Kerns des Seins wieder und wieder zu berühren.

In einem 1200 Wörter langen Blog Post kann ich nicht all die Auswirkungen dieses tiefgreifenden Bindeglieds der Lehren erklären, aber das ist was ich erlebt habe: selbst der kleinste Beginn der Erkenntnis dieser Wahrheiten kann tiefe Veränderungen in der Art bewirken, wie sich dein Leben manifestiert.

Du bist nicht nur ein Teil des Ganzen – irgendwie, unerklärlicherweise, bist du das Ganze, und das was du bist, manifestiert die ganze Welt deiner Erfahrungen. Du bist fähig zu erstaunlicher Schönheit, furchtbarer Hässlichkeit und allem was dazwischen liegt; die ganze Welt ist ein Spiegel, welcher dir deine wahre Natur widerspiegelt. Dich dem Ganzen was du bist zu öffnen und zu lernen das Ganze zu lieben, verändert den Charakter deines Lebens grundlegend und die Art und Weise, wie dich die Welt widerspiegelt, auf zauberhafte Weise.

Die Yoga Tradition ist einstimmig in der Aussage, dass wenn du dich selbst so kennst wie du wirklich bist, dann wirst du frei sein – freier als der Verstand (mind) es sich überhaupt vorstellen kann.

Wie der Weise Kabir sagte: „Wenn du jetzt nichts tust, um diese innere Erfahrung hervorzurufen, wann wirst du sie erreichen?“

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Fußnoten:

* Natürlich möchte sie dies nicht auf eine bewegungslose Weise, was bedeutet, dass wollen ‚was ist‘ nicht heisst, dass man es nicht ändern möchte, denn Veränderung ist eine grundlegende Eigenschaft von dem ‚was ist‘ ist.

** Ein Zitat von der unglaublichen weiblichen Dichter-Weisen und Mystikerin, Juliana von Norwich.

*** Es sei denn, dass es noch nicht geschehen ist, bekommt das Leben immer was es will, nur meist nicht in der Zeitlinie, welche der Verstand (mind) will oder erwartet.

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Übersetzung von Daniela und Marion im Auftrag von Hareesh

Zum englischen Orignalartikel:
What You Really Want

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