Die acht Glieder des Yoga? … Lasst uns das nochmal überdenken.

Die acht Glieder des Yoga? … Lasst uns das nochmal überdenken.

von Christopher Hareesh Wallis – www.hareesh.org

Warum gibt es acht ‚Glieder‘ des Yoga? Können es nicht Zehn sein? Oder 15? Ja, es können mehr sein und es sind auch mehr.

Dieser Beitrag macht den Leser auf Yoga Systeme aufmerksam, die Alternativen zu dem einen System darstellen, das sich weltweit verbreitet hat und eine unverdiente Vormachtstellung ausübt – nämlich der achtgliedrige Yoga von Patañjali’s yoga-sūtra. Dennoch haben all diese unterschiedlichen Systeme ein paar Elemente gemeinsam. Bist du neugierig herauszufinden welche das sind? Dann lies weiter.

Obwohl niemand die historische Bedeutung von  Patañjali’s aṣṭānga-yoga anzweifeln kann, war es vor seinem Wiederaufleben im späten 19. Jahrhundert nicht bedeutender als der sechsgliedrige (ṣaḍanga) Yoga, den wir in allen drei Zweigen des klassischen Tantra finden (Shaiva, Vaishvana und im Buddhistischen Tantra).* Die sechs Bestandteile oder ‚Glieder‘ des tantrischen Yoga sind (nicht zwangsweise in dieser Reihenfolge):

  • prāṇāyāma (den Atem verlängern und regulieren)
  • pratyāhāra (die Sinne von ihrem gewöhnlichen Fokus zurückziehen)
  • dhāraṇā (meditative Visualisierung grundlegender Realitäten)
  • tarka (Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was nahe gehalten werden sollte und dem, was man besser zur Seite stellt)
  • dhyāna (achtsame Kontemplation auf ein ultimatives Objekt, z.B. das Göttliche)
  • samādhi (ein durch ausgedehnte Meditation spontan auftretendes Versinken)

Die Definitionen, welche ich jedem der Glieder zuweise, sind aus ursprünglichen Quellen übersetzt (siehe Fußnoten). Leser, die mit Patañjali’s aṣṭānga-yoga vertraut sind, werden das Fehlen von yamas, niyamas und asana bemerken. Diese drei sind jedoch immer im tantrischen Yoga enthalten, aber nicht als angas (‚Glieder‘ oder eher ‚Hilfen‘ oder ’notwendige Bestandteile‘) des Yoga, da die yamas und niyamas generell auf Menschen anwendbar sind, nicht nur für Yogis die Befreiung suchen. Vielmehr finden wir in einem tantrischen Schlüsseltext (die Śāradā-Tilaka oder ‚Sarasvatī’s Ornament‘) 20 Yamas und Niyamas, die doppelte Anzahl von Patañjali!

Das wichtigste Element in der obigen Liste, welches im aṣṭāṅga-yoga fehlt, ist tarka, die Kultivierung der Unterscheidungsfähigkeit.**  Im Detail bedeutet es, die Fähigkeit zu verfeinern, zwischen dem zu unterscheiden was wirklich nützlich ist und was nicht, oder wie es im Sanskrit so schön gesagt wird, zwischen dem was man nah bei sich halten und wertschätzen sollte (upādeya) und dem was man besser zur Seite stellt (heya). (NB: in buddhistischen Quellen wird das Wort anusmṛti an Stelle von tarka benutzt.) 

Da deine Zeit kostbar ist, lass uns sieben Jahrhunderte weiter springen in die Ära des haṭha-yoga, wo wir – siehe da – herausfinden, dass wir ein Yoga mit 15 Gliedern haben! Woher kommen diese ‚zusätzlichen‘ Glieder?

Wie du siehst, sind im 15. Jahrhundert die Elemente von Patañjali’s Yoga und dem tantrischen Yoga in der Disziplin des haṭha-yoga zusammen geflossen, einem vereinfachten aber kraftvollen System, welches besser dafür gerüstet war die muslimische Zeitspanne zu überstehen, in der es keine weitere staatliche Unterstützung für Yoga in irgendeiner Form gab. Im 17. Jahrhundert finden wir eine Beschreibung eines 15-gliedrigen Yoga (pañcadaśāṅga-yoga), welches Patañjali’s acht Glieder mit einer Reihe von Übungen aus dem tantrischen Yoga kombiniert. Ich sage ‚eine Reihe‘ anstelle von ’sieben‘, weil im Quelltext, den ich im Kopf habe (Haṃsa-vilāsa Kap. 9), mehrere zusätzliche Elemente aus dem tantrischen Yoga aufgelistet sind; siehe Tabelle unten (und für weitere Informationen, schau in mein Buch Tantra Illuminated, S.311-315).

[1.] Die fünf yamas (= von Patañjali)
[2.] Die fünf niyamas (= von Patañjali)
        [2a.] Die zehn niyamas aus der Haṭha-pradīpikā
        [2b.] Die sechs Hürden und sechs Hilfsmittel aus der Haṭha-pradīpikā
[3.] tyāga, Verzicht (kein Anhaften des Geistes (mind) und des Körpers an weltliche Dinge)
[4.] mauna, Stille (nur die Wahrheit zu sprechen, wenn sich derjenige entscheidet überhaupt zu sprechen)
[5.] deśa, ein angemessener Platz für die Praxis
[6.] kāla, eine angemessene Zeit für die Praxis
[7.] mūla-bandha, der ‚Wurzel-Verschluss‘
[8.] asana, Körperhaltungen
[9.] prāṇāyāma, Atemkontrolle (praktiziert, um das nāḍī-cakra zu reinigen)
[10.] deha-sāmya, der Körper im Gleichgewicht
[11.] dṛk-sthiti, gleich bleibender Blick
        Optionale aṅgas:
        [i.] saṭ-karma, die sechs Reinigungen (see HYP 2.22)
        [ii.] aṣṭa-kumbhaka, acht Untergruppen des Anhaltens des Atems
        [iii.] nāḍī-sodhana, Reinigung der feinstofflichen Kanäle (see HYP 2.78)
        [iv.] das Aufsteigen von kundalinī
        [v.] yogische mudrās und bandhas welche kundalinī erwecken
[12.] pratyāhāra, die Sinne zurückziehen
[13.] dhāraṇā, meditative Visualisation
        [13a.] den Geist (mind) in turya-pada auflösen, dem vierten Zustand
[14.] dhyāna, Meditation auf die höchste Göttlichkeit
[15.] samādhi, Versinken in das Unendliche
        [15a.] mukti, Befreiung durch Samādhi
        [15b.] nāda, Klangerfahrungen in samādhi
        [15c.] unmanī, der überweltliche Zustand
        [15d.] siddhi, paranormale Kräfte

Wir können diese Liste für diese Zeit als maßgeblich betrachten, weil ihr Autor Haṃsamiṭṭhu (*1738) viele Jahre in Indiens führendem Zentrum für traditionelles Lernen, in Varanasi, studiert hat. Er erklärt die Glieder, indem er aus aus der Haṭhayoga-pradīpikā und verschiedenen Upanishaden zitiert. Seltsamerweise präsentiert Haṃsamiṭṭhu eine verständliche Betrachtung der Glieder des Yoga, um sie ausdrücklich zu kritisieren, da seine idiosynkratische Sichtweise die war, dass all diese Yoga Praktiken irrelevant sind, wenn jemand die Feinheiten des sexuellen Yoga meistert – aber das ist ein Thema für einen anderen Post.

Okay, das ist interessant. Aber was steht für moderne Yoga-Praktizierende auf dem Spiel? Vieles. Wie David White in seiner Biografie des yoga-sūtra aufzeigt, hat Patañjali’s Text im späten 19. Jahrhundert eine bedeutende künstliche Wiedererweckung durchgemacht – künstlich insofern, dass das yoga-sūtra für einige Jahrhunderte keine Tradition des Studierens in Indien mehr hatte. Alle Lehren und Praktiken aus diesem Text, die Yoga Praktizierende als effektiv angesehen haben, wurden schon lange zuvor in die lebenden Linien des tantrischen Yoga und des haṭha-yoga integriert. Das ist der Grund, warum Haṃsamiṭṭhu im 18. Jahrhundert keinen Unterschied zwischen Pātañjali’s Yoga und Haṭha-Yoga gesehen hat.

Die Folge aus all dem ist, dass es Patañjali’s aṣhṭānga-yoga nicht als ein eigenständiges System in die Neuzeit geschafft hat; um Patañjali’s Lehren unabhängig von ihrer Integration in spätere Traditionen zu studieren, (wie es heute in unzählbar vielen Yogalehrerausbildungen gemacht wird) müssten also mehr als 1300 Jahre der Entwicklung von Yoga ignoriert werden.

Jeder der seiner Yogalehrerausbildung ein stärkeres textliches Rückgrat geben will, sollte sich die  Haṭhayoga-pradīpikā und ähnliche Texte wie die Gheraṇḍa-saṃhitā anschauen. Diese existieren jetzt in klaren und einleuchtenden Übersetzungen, die bei YogaVidya.com erhältlich sind. (Ich bekomme kein Geld dafür, wenn ich das sage – aber es gibt keine besseren Übersetzungen als diese). Darüber hinaus werden der Hatha-Yoga-Wissenschaftler James Mallinson und sein Team bald maßgebliche Übersetzungen von früheren und grundlegenden Texten veröffentlichen, da die EU einen Wert darin sieht, Forschung im Bereich des Yoga zu finanzieren (!).

Nachdem ich Mallison’s Arbeit angepriesen habe, sollte ich ebenfalls erwähnen, dass der Student Christopher Tompkins heftig argumentiert, dass Mallison das Ausmaß an Verschuldung nicht anerkennt, welches haṭha-yoga dem klassischen tantrischen Yoga gegenüber hat (siehe Tantra Illuminated S. 311-312). Das ist der Grund warum ich in meinem Buch sage, „dass es keine direkte Verbindung zwischen Patañjali’s vortrantrischem Yoga und der Disziplin des haṭha-yoga gibt“ – da diese Verbindung weitgehend durch das massive und komplexe Bauwerk des tantrischen Yoga meditiert wird. Dies ist eine Debatte, die irgendwie ungelöst bleibt.

Fußnoten:

*Den selben sechsgliedrigen Yoga findet man in der Maitrī Upaniṣad, welche gewöhnlich als die früheste Quelle dafür betrachtet wird; aber es gibt einen Grund zur Annahme, dass es sich um eine spätere Erweiterung handelt, die dem Text präzise hinzugefügt wurde, um den sechsgliedrigen Yoga für Vaidika brahmanen, welche den Tantra ablehnten, für gültig zu erklären

**Natürlich finden wir viveka (was auch ‚Unterscheidungsfähigkeit‘ bedeutet) im yoga-sūtra (2.26 und an anderen Stellen), und ist von ausschlaggebender Wichtigkeit für Patañjali; ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass dies nicht in einer seiner acht aṅgas des Yoga erscheint.

Danksagungen und Quellenangaben: Dieser Text ist hauptsächlich der Pionierarbeit von Somdev Vasudeva geschuldet, einem meiner drei primären akademischen Mentoren.

⇒ Für das Śaiva ṣaḍaṅga-yoga, schaue in Vasudeva’s The Yoga of the Mālinīvijayottara-tantra, IFP/EFEO, 2004 (S. 367 ff.). Für das Buddhistische ṣaḍaṅga-yoga, schaue in Günter Grönbold’s The Yoga of Six Limbs, 1996.

⇒ Für den 15-gliedrigen Yoga, schau dir Haṃsamiṭṭhu’s meisterhaften Aufsatz ‚Pātañjalayoga is Nonsense‘ von Somdev Vasudeva, im Journal of Indian Philosophy, 2010, an. Diejenigen die das weiter vertiefen wollen sollten wissen, dass Haṃsamiṭṭhu den 15-gliedrigen Yoga hauptsächlich präsentiert, um ihn zu kritisieren. Er zieht seine Version des rājayoga (spontane Meditation) dem kraftvollen haṭha-yoga vor, und sieht Pātañjala-yoga und haṭha-yoga als ein und dasselbe System. Wir können annehmen, dass dies die allgemeine Wahrnehmung seiner Zeit war, weil er sich nicht darum bemüht diese Identifikation zu rechtfertigen.

Übersetzung von Daniela und Marion im Auftrag von Hareesh

Englischer Orginalartikel:
https://hareesh.org/blog/2016/2/12/the-eight-limbs-of-yoga-think-again

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